Gedenk- und Erinnerungskultur in Dülmen

Sicherlich hat sich der Heimatverein Dülmen seit dem Neustart der Veröffentlichung der Dülmener Heimatblätter nach dem Krieg, also seit 1954 dem Gedenken an seine ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger durch einzelne Aufsätze verschrieben. Als systematische Erinnerungskultur darf man diese Aktivitäten jedoch nicht bezeichnen. In Dülmen haben fast vier Jahrhunderte lang Juden gelebt, die Stadt durch ihre Geschäfte, ihre Betriebe und ihre Teilnahme am öffentlichen Leben gefördert und mitgeprägt.
Die Anfänge einer Dülmener Gedenkkultur dürften mit der Namensgebung der städtischen Realschule für Jungen und Mädchen in Hermann-Leeser-Schule im Jahre 1988 zusammenfallen.

Hermann Leeser war ein angesehener Bürger und Fabrikant. Am 9. November 1938 wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und in den Tod getrieben. Seine Frau Rhea Leeser (geb. Zondervan) konnte als Niederländerin mit den Töchtern Helga (später verh. Becker-Leeser) und Ingrid im November 1938 nach Holland fliehen. Versteckt vor den Nazis überlebten Ehefrau und Töchter in einem Hinterhaus in Rotterdam.

Zusammen mit dem Heimatforscher Heinz Brathe, Diethard Aschoff sowie den Arbeiten von Helga Becker-Leeser und ihrem Sohn Joost Becker entstand 1991 in Zusammenarbeit mit dem Institutum Judaicum Delitzschianum der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) das Dülmener Lesebuch zum jüdischen Friedhof, welches die Geschichte der jüdischen Familien in Dülmen erstmals anhand ihrer Gräber dokumentierte.

Zwischen 2005 und 2011 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 40 Stolpersteine in Dülmen. Die Stolpersteine wurden von Schülerinnen und Schülern der Hermann-Leeser-Schule und des Richard-von-Weizsäcker-Berufskollegs gespendet. Daraus entwickelten die Akteure in Kooperation mit dem Stadtarchiv einen Geschichtsrundgang anhand der Stolpersteine.​
Der Heimatverein Dülmen würdigte diese Aktivitäten, berichtete in den Ausgaben der Dülmener Heimatblätter und widmete dieser mittlerweile systematischen Erinnerungsarbeit einen Schwerpunkt in seiner Buchausgabe zum Dülmener Stadtjubiläum 2011. Regelmäßige kulturelle Erinnerungsveranstaltungen zum Tag der Novemberpogrome, des Volkstrauertages und der Befreiung von Auschwitz werden in Dülmen mit vielen Kooperationspartnern begangen.
Die Lebensgeschichte von Helga-Becker Leeser wurde zusammen mit dem Heimatverein Dülmen, dem Stadtarchiv, der Geschichts-AG der Hermann-Leeser-Schule, und weiteren Kooperationspartnern in Form einer Graphic Novell in Buchform veröffentlicht und dient der Geschichtsvermittlung im Schulunterricht.

Die Dülmener Tür in der Ausstellung „Spurensuche_n im Gestern und Heute” eröffnet Einblicke in das vielfältige jüdische Leben und die seit 2005 intensivierte Erinnerungsarbeit vor Ort. Die Ausgrabung und Einbindung des Keller Pins sowohl in den Rundgang der Stolpersteine, als auch der digitalen Stadtinformation (QR-Code gestützter Stadtrundgang) schreibt diese Erinnerungsarbeit an die vier Jahrhunderte jüdischen Lebens in Dülmen fort.

Spurensuche_n im Gestern und Heute

Jüdisches Leben in Münster und dem Münsterland

Tür in die Vergangenheit

Seit 2010 macht das Projekt Expedition Münsterland an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) einzigartige Wissenschafts-Schauplätze im Münsterland erlebbar und lässt universitäre Forschung in der Region sichtbar werden. Das Projekt Expedition Münsterland versteht sich als Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Einerseits wird das Wissen aus der Universität Münster der Bevölkerung, den Unternehmen und den Kommunen vermittelt und andererseits wird der Austauschprozess zwischen Region und Universität angeregt. Im Rahmen der Expedition Münsterland sind im Laufe der Zeit immer weitere Veranstaltungen mit Schulen entstanden.
Die „Spurensuche“ der Expedition Münsterland ist ein Projektformat, das seit 2013 kontinuierlich verfolgt und weiterentwickelt wurde, um jüdisches Leben im Münsterland vor Ort aufzuspüren und wieder sichtbar zu machen. In gemischten Gruppen aus (Bürger)Wissenschaftler*innen, Studierenden und interessierten Laien, wurden unter Führung von Matthias M. Ester vier Exkursionen durch das gesamte Münsterland unternommen. Dem Ansatz der place-based Citizen Science folgend, gaben im Rahmen der Touren auch bürgerwissenschaftliche Experten Einblicke in das vielfältige jüdische Leben vor Ort vor dem Naziregime. Dieser Ansatz und diese Expertise werden in der Gestaltung einer Ausstellung aufgegriffen, indem Bürgerwissenschaftler*innen, Studierende und Expert*innen der Universität gemeinsam in co-kreativen Prozessen 14 historische Türen zu Aspekten jüdischen Lebens in den Orten, die die Expedition Münsterland besucht hat, gestalten. Den „Türen in die Vergangenheit“ wird kontrastierend und ergänzend ein Film über die jüdische Gemeinde Münster, dem, was gegenwärtiges jüdisches Leben im Münsterland ausmacht, gegenübergestellt. Die Gruppe um die Erstellung der Graphic Novell „Von allem etwas …“ – über das Leben von Helga Becker-Leeser – hat auch die Dülmener Tür für die Ausstellung gestaltet.
Die Ausstellung mit Türen und Film soll dann durch die beteiligten aber auch weitere interessierte Orte des Münsterlands wandern. Aufgrund der Pandemie war lange unklar, ob und wann die Ausstellung in Präsenz gezeigt werden kann.

Vom 5. Mai bis zum 3. Juni 2022 kommt die Türenausstellung (nachdem sie bereits in Burgsteinfurt und Lengerich zu sehen war) nach Dülmen. Zunächst war als Ausstellungsort das intergenerative Zentrum einsA in Dülmen für die Ausstellung vorgesehen. Da die 14 Türobjekte und der Film einen größeren Raum benötigen stand als Kooperationspartner die katholische Kirchengemeinde St. Viktor mit ihrer Pfarrkirche St. Viktor als Ausstellungsort zur Verfügung. Zwischen Vernissage und Finissage wird es ein kulturelles Begleitprogramm verschiedener lokaler Akteure geben.

QR-Code-Stadtinformation

In Dülmen gibt es Gebäude, Orte, Kunstwerke oder irgendwelche Objekte, die den Besuchenden gerne ihre Geschichte erzählen möchten. Bislang erfuhren Interessierte diese Geschichten, Fakten und Hintergründe nur, wenn sie an einer Stadtführung teilnahmen oder sie alteingesessene Bürgerinnen und Bürger, die hier “Poahlböerger” heißen, dazu befragten. Das möchte der Heimatverein ändern. Dazu sollen alle Informationen über multimediale Endgeräte (PC, Tablet, Smartphone, Videoguide etc.) zu den Orten und Objekten zur Verfügung gestellt werden. In Dülmen gibt es zwei Kategorien der lokalen Anknüpfung dieser Informationen auf dem Stadtgebiet. Die erste Kategorie an Gebäuden, Orten, Kunstwerken und sonstigen Objekten “gibet noch” und die zweite Kategorie müssen wir mit “wadda ma” bezeichnen. Das liegt insbesondere daran, dass die Dülmener Innenstadt am 21. und 22. März 1945 durch Brand- und Sprengbomben zu fast 92 Prozent zerstört wurde. Alle Stationen der Dülmener Stadtinformation werden in der Silhouette des Lüdinghauser Tores den jeweiligen QR-Code tragen. Die immer gleiche äußere Form lässt den interessierten Besucher bzw. die interessierte Besucherin bereits von weitem erkennen, wo sich hilfreiche Stadtinformation über Dülmen verbergen. Neben ersten Stationen in der Innenstadt sind bereits das ehemalige Munitionslager Visbeck in der Bauerschaft Dernekamp, die ehemalige Klosteranlage Marienburg in Weddern und der Ortsteil Buldern interessiert, ebenfalls mit einem QR-Code in verbindender Optik ausgestattet zu werden. Die Vorarbeiten sind abgeschlossen, jetzt muss die technische Umsetzung und die langfristige Betreuung der Stadtinformation gelöst werden.

Alle Stationen der Dülmener Stadtinformation werden in der Silhouette des Lüdinghauser Tores den QR-Code tragen.